Dienstag, 1. Januar 2013

Sei perfekt unperfekt!

Gestern Abend war schrecklich und schön zu gleich. Wie so ziemlich alles in meinem Leben. 
Aber ich habe gemerkt, dass ich dringend etwas ändern muss!

Gegen 22 Uhr hab' ich mich das erste Mal in einen Busch unbemerkt übergeben. Schnell auf die Toilette rennen, Hände und Gesicht waschen und wieder mein sogenanntes Lächeln auflegen.

Das Ganze noch dreimal innerhalb der nächsten drei/vier Stunden.

Irgendwann war ich so am Ende, vom Kotzen, Alkohl, Rauchen, Reden, Lachen ...

Ich saß da und versuchte dem Gespräch meiner Freunde zu folgen, aber es ging einfach nicht mehr.
Auf einmal gab es nur noch eine Sache, die ich machen musste.
Ich entschuldigte mich bei meinen Freunden, meinte ich müsse kurz an die frische Luft. Sie trauten dem Ganzen nicht, weil ich plötzlich verändert war, aber ließen mich gehen. 
Unauffällig nahm ich mir eine Bierflasche vom Tisch und ging so normal wie möglich nach draußen. Ich fing, kaum nachdem mich niemand mehr sah, an zu rennen. 
In irgendeiner dunklen Ecke zerschlug ich die Flasche und zog sie mir über den Arm.
Ich hatte mich vorher noch nie am Arm geschnitten und in dem Moment überlegte ich nicht und tat es einfach. Allerdings war mir da schon klar, dass ich's bereuen würde. Narben an Bauch und Bein sind leicht zu verdecken, aber an den Armen... viel zu offensichtlich! 
Wie auch immer, nach wenigen Schnitten hörte ich die Freundin von meinem Bruder nach mir rufen und hörte sofort auf und ging zu ihr. 

"Marie hast du erbrochen?" 
"Nein, wieso sollte ich?"
"Weil du wieder abgenommen hast." 

Ich war vollkommend schockiert. Wie konnte sie was bemerkt haben? Ich hab doch zugnommen! Das kann nicht sein! Woher weiß sie es? Nein, nein, nein... 

Ich lachte und sagte: "Das kommt dir nur so vor." 

Wir gingen wieder rein. Ich suchte schnell meine Weste, zog sie über, setzte mich zu meinem Bruder und zündete mir eine Zigarette an um mich zu beruhigen. Er sah mich an.

"Du bist meine Beste!"

Ich erwiderte nichts.

"Hast du gehört? Du bist meine Beste!"   

Ich fing an zu heulen und er nahm mich in dem Arm. Ich erklärte ihm, dass ich Scheiße gebaut hatte und entschuldigte mich, wieder und wieder. Er war nicht böse auf mich, sondern versuchte mich zu trösten.  
Damit konnte ich nicht umgeben und flüchtete wieder. 
Zurück in den Ecke, auf den Boden, Glass rein. 
Ich hörte gleichzeitig auf zu weinen und zu schneiden und ging zurück. IDIOTIN. SCHLAMPE.

Diesmal fing mich meine beste Freundin ab und zwang mich mit ihr in die Toilette zu kommen. Sie streifte sofort meine Ärmel nach oben. Ihr verzweifelter Blick tat mir so Leid, sie konnte sich einfach nicht erklären wieso ich's schon wieder getan habe. 
Ich kauerte auf dem Boden und sie mit mir.

"Erklär mir wieso, Marie! Bitte!"
"Ich kann nicht..."
"Wegen deiner Mutter und ihrem Freund?"
"Nein."
"Weil du dich im Heim immer noch nicht zuhause fühlst?"
"Nein." 
"Wegen uns?"
"Nein, nein!" 
"Sag mir einfach, was du gerade denkst. Genau das, was dir gerade im Kopf herum geht. Egal was es ist!"

Ich heulte schon wieder los, ich lange Zeit nicht mehr richtig geweint. 

"Weil ich mich hasse!"  

Dann war es raus. Sie sagte so viel, ich kann mich nicht mal mehr dran erinnern, ich weiß nur, dass sie mir geholfen hat. Aber nicht nur sie, sondern so viele andere, denen ich vorher nie geglaubt habe. 

Ich habe nur einen einzigen Feind und zwar mich selbst. 
Gestern Nacht habe ich gemerkt, dass ich nicht so weiter machen will. Ich habe 2012 genauso beendet wie 2011, aber ich werde alles dafür geben, dass 2013 anders wird! Nicht perfekt, aber lebenswert.

Was nützt mir abnehmen, wenn ich nicht mehr ich selbst bin und in allem eingeschränkt bin?
Was nützt mir schneiden, wenn ich sowieso keine Schmerzen mehr spüren kann? 
Was nützt mir ein perfekter Körper, ohne eine glückliche Seele? 
Ich werde sowieso niemals ganz und gar zufrieden sein. Ich mach' mir doch nur was vor, denn das wird sich weder bei 3 Kilo noch bei 13 Kilo ändern. 

Ich werde nicht von heute auf morgen komplett "normal" werden. Schließlich kann ich den ganzen Müll nicht einfach aus meinem Kopf löschen. Selbst jetzt, während ich am schreiben bin, störe ich mich an meinem Bauch. Aber ich will all das zu etwas Erträglichem machen.

Seit dem Tag, an dem ich beschlossenen habe nicht mehr zu essen, ist mir mein Leben außer Kontrolle geraten. Den Fehler kann ich nicht mehr rückgängig machen, aber ich kann aufhören ein unerreichbares Ziel zu verfolgen. Keine Ahnung, ob ich's schaffe. Leicht wird es bestimmt nicht. Aber ich bin bereit! 

Hat sich jemals jemand an diesem kleinen Bauch gestört? Wohl kaum.



 

 

 

1 Kommentar:

  1. Die Bilder von deinem Arm sehen grausam aus. Es tut weh zu hören, wie sehr du dich selbst hasst ... Ich würde dir so gerne helfen!

    AntwortenLöschen